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Bericht von Nick Robinson

8. Treffen von Origami Deutschland vom 21.06. - 23.06.1996 in der Morgenländischen Frauenmission in Berlin

Ehrengäste

Sergei Afonkin Rick Beech Nick Robinson

Sergei Afonkin /
Russland

Rick Beech /
England

Nick Robinson /
England

 In der allerletzten Minute beschloß ich, daß mein Budget es mir erlauben würde, das Jahrestreffen von Origami Deutschland zu besuchen, das dieses Jahr in Berlin stattfand. Dies wäre ohne das großzügige Angebot von Origami Deutschland, ein paar meiner Ausgaben zu übernehmen, nicht möglich gewesen, wofür ich ewig dankbar bin! Als eifriger Leser von ihrer Zeitschrift "der falter" (naja, ich schaue mir die Bilder an und kämpfe mit den Wörtern!) lief mir bei der Aussicht teilzunehmen das Wasser im Mund zusammen.

 Ich reiste über Heathrow, um Kosten zu sparen, und kam Freitag Nachmittag in Berlin an. Nach ein paar kleinen(!) Schwierigkeiten damit, zu erklären wohin ich wollte, erreichte ich die Morgenländische Frauenmission in Steglitz gerade rechtzeitig für ein sättigendes vegetarisches Mahl. Ich war erfreut zu sehen, daß mehrere andere Briten teilnahmen; Dave Brill, David Lister, John Smith, Rick Beech, John Cunliffe und der in der Diaspora lebende Edwin Corrie, momentan bei Audi als technischer Übersetzer angestellt, die ihre Mitarbeiter anscheinend nicht mit kostenlosen Autos ausstatten! Der Ehrengast war Sergei Afonkin (auch bekannt als der "Russische Bär"), den ich vorher schon in New York getroffen und auch schon mehrere e-mails ausgetauscht hatte. Der Hauptraum war hell und weitläufig, mit Tischen voll von eifrigen Faltern und vielen Ausstellungstischen. Um elf Uhr nachts gab ich mich geschlagen und fiel in mein Bett.

 Beim Frühstück machte ich die Bekanntschaft mit den ersten der mehreren Tausend Käsescheiben, die ich an diesem Wochenende konsumieren würde, und um neun Uhr begannen wir zu falten. Der Zeitplan für das Wochenende bestand aus den Anweisungen "falten, falten, falten!", unterbrochen nur durch die üblichen Mahlzeiten. Zu jeder Zeit fanden zwei Hauptveranstaltungen statt, aber viele Leute schnappten sich einfach einen Stuhl und falteten in kleinen Gruppen. Es war ermutigend für mich, den Enthusiasmus für einfache Faltungen zu sehen, der jede Person hier charakterisierte. Ich bekomme manchmal das Gefühl, daß die BOS vielleicht auf irgendeine Art zu "erfahren" ist und daß wir auf der Suche nach außergewöhnlichen oder beeindruckenden Entwürfen die simple Freude des Faltens verlieren.

 Der Organisator Oliver Drewien war sehr beschäftigt damit, Unterbringung und Mahlzeiten für die verspäteten Teilnehmer (schuldig!) zu erledigen, aber er hatte immer noch Zeit, jeden zu begrüßen. Der Vorsitzende Heinz Strobl, in einem gepflegten Anzug, war der perfekte Gastgeber; er zeigte die anscheinend übliche Fähigkeit, ein fast perfektes Englisch zu sprechen. Silke Schröder konnte selten gesehen werden: sie verbrachte den größten Teil des Wochenendes damit, ihren eindrucksvollen Verkaufsraum zu betreiben. Die Auswahl an Büchern und Papier war ein klares Vorbild für das neue, verbesserte BOS supplies setup; Dave Brill und ich haben mehrere mögliche Bereiche bemerkt, von denen wir uns inspirieren lassen können. Im Angebot war eine komplette Serie des superben Oru-Magazins, Daves wunderbares "Brilliant Origami" und Ricks tolles "Discover Origami"; die beiden letztgenannten Wälzer waren Ziele für ein paar erweiterte Autogramm-Sitzungen!

 Ich war höchst erfreut, den brasilianischen Meister-Falter-Redakteur Paulo Mulatinho zu treffen, dessen eindrucksvolle graphische Fähigkeiten und tiefe Liebe zu Origami "den falter" zu vielleicht dem besten erhältlichen Origami-Magazin gemacht haben. Ich sage das mit allem Respekt für die gediegenen Anstrengungen von Joan und anderen! Paulo hat die unheimliche Fähigkeit (wie auch Thoki Yenn), alle zu beeindrucken und zu inspirieren, die er trifft.

 Meine Nachmittagssitzung war typisch für die Anstrengungen, die Origami Deutschland unternimmt. Ich schlug vor, daß wir vielleicht ein bißchen naßfalten versuchen könnten, aber es war kein passendes Papier da. Die bemerkenswert organisierte Susanna (uups -- Nachnamen vergessen) zog mich in ihren BMW, und wir durchsuchten Berlin fieberhaft nach geeignetem Papier, obwohl die Geschäfte um ein Uhr schlossen. Zu der Zeit, da die Sitzung anfing, hatte sie das Papier in ordentliche Quadrate geschnitten, ein paar Schwämme besorgt, sie zugeschnitten, sie naß gemacht und jeden in einen Plastikbeutel gesteckt! Diese Technik war für viele der Deutschen neu, aber es gelang mir ganz gut, mein philosophisches Geschwafel herüberzubringen.

 Am Nachmittag veranstaltete Dave Brill seine berüchtigte (Pardon, gewohnte) Besprechung der Ausstellung; eine Erfahrung, die neu für die Deutschen war. Glücklicherweise konnte Edwin seine Fragen ins Deutsche übersetzen und ihre Antworten zurück ins Englische. Das funktionierte gut, bis Sergei frecherweise seine Kommentare in Russisch abgab und darauf bestand, daß Dave sie übersetzte! Dieser schaffte das auf eine bemerkenswert exakte Weise, indem er 5 Minuten Russisch in ein paar Worten Englisch zusammenfasste. Heinz Strobls Ausstellungsstücke gaben seine fortwährende Faszination über geometrische Formen wider, die aus Streifen von schmalem Telexband gefaltet werden. Ein Design war besonders wunderbar, ein Kreuz, das die 60°-Geometrie benutzte. Seine Kurse waren während des Wochenendes sehr gefragt. John Smith gab mehrere Kurse über sein neuestes Buch über Origami-Klappkarten. Es ist müßig zu betonen, daß das Falten noch bis in die frühen Morgenstunden andauerte.

 Der Sonntag folgte größtenteils dem gleichen Muster: "falten, falten, falten", und es freut mich berichten zu können, daß die letzten drei Personen, die um vier Uhr am Sonntag Nachmittag immer noch falteten, Lister, Smith und Robinson waren. Man verabschiedete sich traurig und doch optimistisch. Am Abend veranstaltete eine kleine Gruppe eine Exkursion ins frühere Ostdeutschland, um mehr kulinarische Köstlichkeiten zu probieren, die freizügig (sehr freizügig in Daves Fall!) mit hellem Schwarzbier, dunklem Schwarzbier und anderen obskuren Abarten heruntergespült wurden. Es gelang uns beim besten Willen nicht, die ungefähr 40 Stufen zum Klo zu zählen; durch eine sonderbare Laune der Natur waren es mehr Stufen runter als rauf. Oder andersrum, oder vielleicht auch keines von beiden. Wir waren erstaunt und bestürzt darüber, daß die Kneipe schon um elf Uhr nachts schloß. Nachdem wir zum Treffpunkt zurückgekehrt waren, plauderten wir noch bis in die frühen Morgenstunden.

 Am Montag Morgen besuchten die wenigen verbliebenen Briten den Reichstag (er war geschlossen) und bestaunten das Brandenburger Tor, bevor der Anblick eines Teils der berüchtigten Berliner Mauer, mit Einschußlöchern übersät, sie rapide ausnüchterte. Wir aßen in Sichtweite der Mauer zu Mittag und dachten über die Größe der Möglichkeiten des Menschen nach, andere Menschen zu verletzen. Der ganze Bereich war ein Hort der Geschäftigkeit, während ökonomische und physische Rekonstruktion den Grundstein für ein florierendes, vereinigtes Berlin legen.

 Um vier Uhr Nachmittags fuhr ich mit Paulo und Silke ab, auf dem Weg zu ihrem Heim in Freising, aber die zweispurige Autobahn kam schnell und für drei Stunden zu einem kompletten Stillstand. Wir verbrachten die Zeit, indem wir die ostdeutsche Effizienz verfluchten und mit den Fahrern in der Nähe falteten. Ein glückliches Kind kam mit einem kostenlosen Buch davon, dem immer freigiebigen Paulo sei Dank. Wir schwankten um zwei Uhr nachts nach Hause und luden die Bücher aus. Silke mußte um sieben Uhr morgens aufstehen, um den Transporter in die Nähe von München zurückzubringen, aber sie schaffte es trotzdem, sich uns für (mehr) Käse und Bier anzuschließen!

 Am Dienstag schloß sich Dave Brill uns an - er war intelligenterweise in weniger als einer Stunde heruntergeflogen und war gezwungen, in der vergangenen Nacht alleine zu trinken. Wir nahmen an einer geführten Tour durch Freising teil; die am wenigsten verschandelte Stadt, die man jemals in Deutschland sehen wird. Es wurden gerade 1000 Jahre Freising gefeiert, aber die 100 Jahre alten Fotos in jedem Geschäft zeigten, daß sich seitdem wenig verändert hatte. Wir besuchten ein wunderbares Beispiel für Rokoko- (Zuckerguß-) Architektur in einer örtlichen Kirche, bevor wir uns für, naja, mehr Käse und Bier niederließen. An diesem Abend versammelten sich viele der örtlichen Papierfalter in einer Pension, wo wir falteten, zu Abend aßen, falteten und uns gründlich den Magen vollschlugen. Wir bereiteten Silke auf einen möglichen Besuch in Yorkshire vor, indem wir ihr "What's tha think o' me air", "Tha's barmy thee" und andere, weniger gesunde Phrasen beibrachten. Zurück in Paulos und Silkes Wohnung füllten wir die letzten Löcher in unseren Mägen mit Wein und (mehr) Käse. Wie man sieht, wirkt sich ein Besuch in Deutschland auf die schlanke Linie aus, aber er füllt einem auch mit einem so zufriedenen Gefühl über die Wärme und Freundlichkeit der Origami-Leute überall.

 Am Dienstag flogen Dave und ich nach Hause (in separaten Flügen), wo ich einen 1½-Stunden-Trip von Heathrow nach London und eine 4-Stunden-Schleichfahrt von London nach Sheffield ertragen mußte. Typischerweise rief Paulo an, um sicherzugehen, daß ich sicher angekommen war. Ich kann Origami Deutschland nicht genug für ihre tadellose Behandlung der ausländischen Gäste (ein Beispiel für uns alle), ihre unerschöpfliche Liebenswürdigkeit und ihre Freigiebigkeit danken. Wenn ihr jemals die Chance habt, geht selbst dorthin und "faltet, faltet, faltet!"

Nick Robinson

 

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