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Bericht von Matthias Gutfeldt

9. Treffen von Origami Deutschland vom 30.05. - 01.06.1997 im Heuchelhof in Würzburg

Ehrengäste

Kunihiko Kasahara Gay Merrill Gross Jan Polish

Kunihiko Kasahara /
Japan

Gay Merrill Gross /
USA

Jan Polish /
USA



 Auf dem Rückweg von Würzburg dachte ich mir, daß irgendjemand einen Bericht über dieses Treffen schreiben sollte. Und dann habe ich es selbst getan. Es folgt nun mein absolut subjektiver Bericht über das 9. Internationale Treffen von Origami Deutschland in Würzburg. Das Treffen begann am Freitag um 17:30 Uhr im Technikum Hotel mit einer kleinen Rede von Susanna Wellenberg. Da ich spät dran war, hörte ich nur ein paar Worte, haupstächlich darüber, daß man Spaß haben sollte und fröhliches Falten. Was genau das war, was ich vorhatte.

Logo Wuerzburg

 Als ich nach bekannten Namensschildern suchte, fand ich zuerst David Lister, stellte mich ihm vor und wurde direkt in eine interessante Diskussion über das Leben, das Universum und den ganzen Rest verwickelt. Viel zu schnell wurde es dann Zeit für das Abendessen, und danach schaute ich mir zuerst einmal die ganzen Origami-Modelle an, die die Teilnehmer ausgestellt hatten.

Drehfaltung

 Dann sprach Kunihiko Kasahara, der Ehrengast, über seine Vision des Origami. Eine Dame vom Siebold-Museum übersetzte gekonnt vom Japanischen ins Deutsche und umgekehrt. Herr Kasahara hatte auch ein paar Blätter mit Diagrammen: Einige Origami-Modelle, die Fröbel im Kindergarten benutzt hatte, und sehr alte japanische Anleitungen für Tausend Kraniche. Die Blätter selbst waren interessant: Sie waren sehr elegant auf ein Drittel ihrer Größe zusammengeklappt. Ich glaube, daß dies eine traditionelle Faltung ist. Eine Bemerkung von Herrn Kasahara war, daß wir über die ganzen mathematischen und geometrischen Anwendungen von Origami nicht vergessen sollten, daß wir zum Spaß falten und nicht für die Wissenschaft.

 Nach dieser Präsentation, und obwohl es schon spät wurde, fingen die Leute an mehreren Tischen zu falten an. Manche blieben sogar bis weit nach Mitternacht auf. Ich nicht. Ich schaute mich noch einmal um und machte ein paar Bilder von den ausgestellten Modellen, und dann war ich fertig für ein bißchen Schlaf. In der vergangenen Nacht hatte ich nicht viel geschlafen, und wegen ein paar Verspätungen hatte meine Reise mehr als zehn Stunden anstatt nur sechs gedauert. 22:00 Uhr erschien mir deshalb als eine gute Zeit, um ein bißchen Schlaf zu bekommen.

 Der kommende Sonnabend war ein sehr anstrengender Tag. Beim Frühstück traf ich John Cunliffe von der ELFA; er sagte mir, daß er am Nachmittag eine Show mit Zylinderhüten vorführen würde. Nach dem Frühstück zeigte mir Gay Merril Gross ein paar ihrer Modelle und erzählte mir von ihrer Arbeit mit Lillian Oppenheimer, und wie die kleinen "Friends of Origami" zum riesigen OUSA von heute wurden. Um 9:30 Uhr begann die Mitgliederversammlung von Origami Deutschland. Es war meine erste, und sie dauerte über 3 Stunden... seufz.

Modell vom "The Paper Dragon"

 Beim Mittagessen überraschte Jan Polish uns alle mit den wunderbaren Modellen, die Mark Kennedy ("The Paper Dragon") gefaltet und mit Kalt-Email überzogen hatte. Es gab Lachse, Masken, Drachen ... alle ungefähr 4-7 cm lang. Jan sagte uns, daß Mark dutzende von ihnen faltet, während er fährt; jede rote Ampel, jeder Stau erlaubt ein paar Faltungen. Staus sind keine verlorene Zeit für Mark!

 Nach dem Mittagessen schaute ich mir noch einmal all die wunderbaren Papiere in Silke Schröders Laden an, die ich mir nicht leisten konnte, und dann war es Zeit für John Cunliffe. Erst erzählte er uns etwas über die Geschichte des Zylinders, dann zeigte er uns, wie man einen faltet. Danach zeigte er die Verbindung zwischen Origami und Magie: Mit einem Origami-Becher verwandelte er Wasser in Wein. Sonderbarerweise kann mein Papierbecher das nicht. John hatte zwei zusammenlegbare Zylinder mitgebracht. Leider verpaßte ich die Demonstration des sehr clever gemachten Mechanismus zum Zusammenlegen, aber ich hoffe, das nächstes Jahr zu sehen.

 Um 17:30 Uhr wurden wir von zwei Bussen für eine Tour durch die Stadt und das Siebold-Museum abgeholt; für die Woche des Treffens war es in ein Origami-Museum verwandelt worden. Brian Cox aus Kanada hatte vorher ein Mobile mit 1001 Kranichen installiert, die nun langsam über unseren Köpfen schwebten, während wir uns am örtlichen Weißwein erfreuten und eine Rede über die Siebold-Familie anhörten. Es gab auch eine lange Stoffröhre, die von der Decke hing, den ganzen Weg vom 1. Stock bis zum Erdgeschoß. An ihr waren hunderte von Origami-Modellen befestigt; der traditionelle Kranich, Blumen, Dinosaurier, Schildkröten, Weihnachtsmänner etc. Irgendjemand muß Stunden damit zugebracht haben, diese ganzen Modelle zu falten und zu befestigen.

Gecko und Fliege auf der Wand

 Nach der Rede stürmten wir die Ausstellung. Es gab (natürlich) viele Modelle von Kasahara, und auch von anderen Erfindern. Kasaharas Modelle waren in Szenen arrangiert, von den Affen im Dschungel bis zur Eule in der Nacht. Für mich war eines der aufregendsten Modelle der "Gecko und Fliege auf einer Mauer" von Herman van Goubergen aus Belgien, der auch in Würzburg war. Es dauerte eine Weile, bis ich den Gecko fand ... und es gab auch eine Fliege, die auf dem Photo leider kaum erkennbar ist.

Viva Kashara

 Dann fingen ein paar Auserwählte an, ein (ziemlich einfaches) Puzzle auf dem Boden zusammenzusetzen. Das Resultat: Viva Kasahara! Dann war der Bus wieder da, um uns zum Abendessen in den"Ratskeller" zu bringen. Ich hatte das Glück mit Gay Merril Gross, Edwin Corrie und Cinzia Garufi an einen Tisch zu kommen. Durch Gay lernte ich endlich, einen Lotus aus einer Serviette zu falten. Ich hatte vorher schon versucht, ihn aus Papier zu falten, aber das endete immer damit, daß ich es in kleine Schnipsel zerlegte. Edwin zeigte uns seinen "Vogel Nr. 9" (oder war es Nr. 7 ?) und später ein weißes Kaninchen in einem schwarzen Zylinder! Um neun Uhr rief ich zu Hause an; es überraschte mich, daß meine Tochter Lea ans Telefon ging! Meine Frau erzählte mir später, daß Lea mich sehr vermißte, weshalb ich mich natürlich großartig fühlte.

Origami Eule

 Am letzten Tag des Treffens gab es zwei Highlights: Nach dem Frühstück hörte ich zufällig, wie jemand Kunihiko Kasahara bat, ihm ein paar der Modelle zu zeigen, die im Museum ausgestellt waren. Alle, die zufällig drumherum standen, hatten großes Glück, weil dies keine offizielle Veranstaltung war! Das erste Modell war eine Eule; mit nur ein paar Falten starrte einen dieses überzeugende Modell aus großen Augen an. Danach kam eine niedliche kleine Katze; meine brauchte etwas Hilfe, sie bestand darauf, direkt auf ihr Gesicht zu fallen. Dann zeigte Herr Kasahara eine Pyramide, aber ich mußte gehen, weil ich das nächste Highlight nicht verpassen wollte: Gay Merril Gross. Jemand anderes nam freudig meinen Platz ein, und erst dann bemerkte ich die Menge, die um den Tisch herumstand.

Drehfaltung 2

 Gay erzählte erst etwas über die Origami-Geschichten, die Lillian Oppenheimer immer erzählte, und dann zeigte sie und ihre Version von Alice, dem kleinen Mädchen, das an einem Regentag gelangweilt herumsaß. Während der Geschichte verwandelte sich eine Zeitung in einen Papierhut, der Hut verwandelte sich in den Helm eines Feuerwehrmanns, dann in einen Piratenhut, ein Boot, und schließlich in eine Rettungsweste. Natürlich waren alle diese Faltungen einfach und wohlbekannt, aber die Geschichte, die sich um jedes Modell entwickelte, machte sie zu einer ganz speziellen Sache. Die nächste Geschichte war über die Gebrüder Lang und die Schwestern Kurz, die eine Einladung zu einer Geburtstagsparty bekamen, und was sie dort erlebten. Diese Geschichte benutzte noch nicht einmal Modelle, nur ein paar Faltungen, um ein Objekt zu symbolisieren. Nur das "Happy End" resultierte in einem Modell: Eine Schachtel. Und dann gab es noch Mutter Natur, die nach dem Winterschlaf aufwachte, und schließlich eine herrliche Geschichte über einen Zauberer und seinen Wunschdrachen. Direkt danach zeigte Gay ein paar ihrer modularen "Action"-Modelle, darunter auch ein sehr spektakulärer Butterfly Ball, und ich war sehr betrübt, als ich erfuhr, daß ihr Buch "The Art of Origami", das diese Modelle enthielt, nicht nur vergriffen, sondern auch ausverkauft war.

Visitenkarten-Faltungen

 Direkt danach kam ein weiteres Highlight (offensichtlich kann ich nicht zählen): Jan Polish, mit einem riesigen Stapel Visitenkarten, zeigte, wie man den eingedrückte Kubo-Oktaeder von Valerie Vann faltet. Naja, das Falten war einfach, aber es war ein Alptraum, dieses Modular aus vier Teilen zusammenzusetzen; die zick-zack-gefalteten Visitenkarten sahen nicht danach aus, als ob sie sich jemals in das fertige Modell verwandeln würden, das Jan herumzeigte. Aber schließlich taten sie es, und danach waren die anderen Modelle vergleichsweise einfach: Ein Stern von Jeannine Mosely, und ein Würfel, Jeannines Variation eines traditionellen Moduls.

Origami-Maske

 Nach dieser Präsentation war es schon wieder Zeit zum Essen. Das Treffen endete direkt danach, und ein paar mußten sogar schon vor dem Nachtisch hetzen, um ihren Zug nach Hause noch zu bekommen. Auf dem Rückweg falteten Barbara Rähmi und ich ein paar Modelle aus Kasaharas "Creative Origami", während Andreas Rähmi versuchte, gleichzeitig das Kapitel über Kreativität zu lesen. Es stellte sich als etwas schwierig heraus. Die Familie Rähmi stieg in Basel aus, und auf dem Weg von Basel nach Bern fand ich ein nichtsahnendes Opfer, das sich all die Modelle ansehen mußte, die ich von dem Treffen mit nach Hause nam, und sich mein Geschwätz über Origami anhören mußte. Er sah allerdings aus, als wäre er glücklich genug, jemanden zu finden, mit dem er schwätzen konnte.

Matthias Gutfeldt

 Als ich spät in der Nacht in Bern ankam, fing ich sofort an, meiner Frau jedes aufregende Detail des Treffens zu erzählen, bis sie diesen Blick bekam und entschied, daß es für sie Zeit war, ins Bett zu gehen. Ich war natürlich viel zu aufgekratzt, um schlafen zu gehen, deshalb holte ich all meine e-mail ab, kündigte diesen Bericht voreilig auf origami-l an, schaute kurz bei meinem Lieblings-MUD vorbei und - um ein Uhr morgens - ging ich schließlich ins Bett.

Matthias Gutfeldt

 

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